Das Null-Menschenkenntnis Klischee

Hallo wunderbare Lesewesen, schön seid ihr da.

Wir haben viel über Klischees gesprochen, solche die ich mag und solche, die ich doof finde.

Wenn ihr wissen wollt, was doofe Klischees sind, dann habe ich hier drei Beispiele für euch.

  • Das Buch beginnt, weil ein Wecker klingelt und man ihm deswegen ein Kissen anwirft oder ihn gleich selbst gegen die Wand schmeisst. Verschwenderisch und ausgelutscht.
  • Wir kennen uns seit fünf Buchseiten und etwa 24 Stunden, aber unsere Liebe ist Schicksal und ich werde mein Leben für dich wegwerfen, weil uns ein so inniges Band verbindet. Nein nicht Vertrauen, Freundschaft und Intimität, sondern … Ich weiss nicht Hormone?
  • Schnulzen in denen die Männer reicher, stärker, klüger sind, als die tollpatschige, hilflose, mittellose Protagonistin.

Heute sehen wir uns eine Erzähltechnik an, die oft vorkommt, aber kaum Variationen kennt, obwohl es Potential hätte und daher zum Klischee wurde.

Ich nenne es das Null-Menschenkenntnis Klischee.

1. Der Grundtyp

Menschenkenntnis?

Grundsätzlich passt in dieses Schnittmuster jeder Protagonist, der eine schlechte Menschenkenntnis hat. Aber das ist noch kein Klischee.

Beim Grundtyp dieses Klischee geht es um Protagonisten, die keinen Funken Misstrauen haben und dadurch von einer Person in ihrem Umfeld ausgenutzt oder massiv getäuscht werden. Es ist ihr blindes Vertrauen, das kennzeichnend ist.

„Was Theo wurde verhaftet? Unfaire Polizei, nur weil er schon zum dritten Mal blutverschmiert neben einer Leiche gefunden wurde, mit einem Messer in der Hand, muss man ihn doch nicht gleich verdächtigen. Der Arme ist ein so netter Kerl. Er hat mir letzte Weihnachten auch eine Uhr geschenkt, auf der in Liebe dein Ehemann Gustav draufsteht. Ich weiss nicht, was alle gegen ihn haben…“

Das wäre ein so interessantes Thema, da Manipulatoren dieser Art auch im echten Leben vorkommen. Sie erscheinen als hilfsbereit und nett.

Ein Manipulator wird alles tun, um uns in Sicherheit zu wiegen und uns zu gefallen. Sie tragen die schönsten Masken, wirken oft wie die grosszügigsten und charmantesten Menschen, um ihre wahre Natur zu verbergen. Hinweise auf ihre Absichten und Pläne sind subtil, oft kaum zu erkennen, wenn man nicht aussergewöhnlich zynisch und misstrauisch ist.

In Büchern und Filmen hingegen, sind diese Manipulatoren meistens so offensichtlich böse und verdorben, dass es jeder auf den ersten Blick sieht, ausser dem Protagonisten.  Klar kommt das mitunter auch im echten Leben vor, aber es macht eine langweilige Geschichte daraus.

Es wird zwar versucht das blinde Vertrauen der Protagonisten so darzustellen, als sei er einfach netter, reiner und geduldiger, als alle anderen, aber in Wahrheit wirkt er wie ein gutgläubiger Trottel, der zu dumm zum Leben ist.

„Was? Psycho Killer von Blutbad ist der Bösewicht? Ich kann es gar nicht glauben. Nicht Psycho Killer! Er ist mein Freund. “

„Ach mach dir keine Gedanken, da gab es keine Hinweise darauf. Ausser: Sein manisches Lachen, meine wiederholten Warnungen, die gefrorenen Leichenteile in seinem Keller, die toten Welpen im Garten, die Pinnwand in der Schule auf der „Mein Plan zur Vernichtung der Welt“ steht und sein Familienmaskottchen der Teufel. Aber du hast recht, das war viel zu subtil. Das Missverständnis hätte jedem passieren können. Und wenn ich jedem sage, meine ich niemandem ausser dir.“

Dadurch wird aber auch der Bösewicht zum lebensunfähigen Idioten, der seine Neigungen nicht sozialverträglich maskieren kann. Er ist darauf angewiesen, dass der Protagonist ungewöhnlich einfältig ist und nicht auf seine Freunde hört. Wie immer bedeutet ein schwacher Protagonist, eben auch einen schwachen Bösewicht und eine schwache Geschichte.

Erst wenn der Bösewicht seinen Monolog hält und dem Protagonisten erklärt, wie „gekonnt“ er ihn an der Nase herumgeführt hat, wird der Protagonist einsehen, dass diese Person wirklich so böse ist, wie alle sagten. Welch ein Schock! /Sarkasmus.

Diesen Fall sehen wir oft in Jugendbüchern, Krimis, Serien, Trickfilmen oder Comicverfilmungen, sowie Komödien.

2. Die Variante: So ist er doch gar nicht?

Das ist die Anwendungsart, wenn man den Protagonisten, zwar eindeutig erkennen lässt, dass diese Person böse ist oder etwas nicht stimmt mit ihr, aber er es einfach ignoriert, weil er an die Macht des Guten glaubt.

Und wenn die Freunde des Protagonisten ihn darauf aufmerksam machen, dass der Bösewicht, eben wirklich böse ist, dann fällt er ihnen oft in den Rücken. Am Ende wird sein mieses Verhalten seinen Freunden gegenüber belohnt, weil sie trotzdem zu ihm stehen und er den Bösewicht zum Freund machen konnte. Siehe auch Macht der Freundschaft.

„Ja, Karl hat 500 Babydelfine umgebracht, eine ganze Nation ausgelöscht und meinen besten Freund zu Tode gefoltert. Aber Karl ist nicht so, er hat einen guten Kern, das weiss ich genau. Ich möchte sein Freund werden.“

Kommt oft in Jugendbüchern, Fantasy, Heldengeschichten und Kinderbüchern vor.

3. Der umgekehrte Fall

Die meisten Menschen sind nett und hilfsbereit zu unserem Protagonisten, aber er traut niemanden und nimmt von allen das Schlechteste an, ganz egal wie oft sie ihm das Gegenteil beweisen. Hier kommt der Protagonist uns weniger dumm und damit als glaubwürdiger vor, aber er prägt damit auch die Werte Treue, Vertrauen und Empathie als Schwäche.

Das findet sich in Dystopien, Krimis und Thrillern.

4. Der Ruf ist schlechter, als die Wahrheit.

Das ist eine Variation vom umgekehrten Fall, wenn der Protagonist eigentlich eine gute Menschenkenntnis hat, ausser bei dieser einen missverstandenen Person. Er denkt, die sei ein Bösewicht, wobei sie sich aber als sehr nette und bodenständige Person herausstellt. Da versuchen dem Protagonisten alle einzureden, wie toll diese Person ist, aber er ignoriert einfach alle Beweise, die nicht mit seiner Meinung übereinstimmen.

Ich persönlich finde ihn weniger nervig als die anderen Varianten, weil es einfacher ist das glaubwürdig umzusetzen. Man gebe dem Protagonisten einen guten Grund für sein Misstrauen und Volià, die Geschichte schreibt sich von selbst.

Dieser Fall kommt oft in Liebesromanen/-filmen oder Komödien vor.

5. Das interessante Beispiel

Eigentlich jede Anwendungsform von schlechtem Menschenkenner, die sich nicht ins Klischee drücken lässt. Mein liebstes Beispiel:

Kreon in Sophokles Antigone ist ein sehr schlechter Menschenkenner. Hier ist nicht das Problem, dass er die Bosheit der Menschen um ihn herum nicht erkennt, sondern was ihre wahren Ziele sind. Er unterschätzt wie stark ihre Motivation ist sie zu erreichen.

 

6. Weitere Beispiele

Und wie immer noch ein paar Bespiele von schlechten Menschenkennern.

Anime / Trickfilm:

Dragon Ball:

Das ist so in etwa der ganze Umfang von Gokus Charakter, der gutgläubige und einfältige Trottel, der unterschätzt, wie böse seine Gegner sind und ihnen sind immer und immer wieder Mitleid entgegenbringt, auf Kosten aller.

Naruto:

Naruto ist am Anfang ein rechter Naivling, um nicht zu sagen ein Einfaltspinsel, der sich von den Leuten hereinlegen lässt. Aber in dem Fall ist es eher verständlich, dass er so vertrauensselig ist, da er von Kindesbeinen an immer abgelehnt und scheinbar grundlos gehasst worden ist. Er hungert nach Anerkennung und ist bereit vieles zu übersehen.

Aladdin:

Jafar ist so offensichtlich böse, dass man schon sehr blind sein muss, um das nicht zu erkennen. Der Sultan findet ihn trotzdem toll. Allerdings in diesem Fall auch entschuldbar, da Jafar einen Hypnosestecken hat, der das verursacht haben könnte

Der Glöckner von Notre Dame:

Dass Frollo böse ist sehen alle Freunde von Quasimodo, nur er nicht.

Pinocchio:

Pinocchio vertraut wirklich jedem, den er sieht und vertraut ihnen auch dann, wenn sie ihn schon hereingelegt haben.

Bücher / Filme

Harry Potter:

  • Lucius Malfoy kann so böse sein wie er will. Cornelius Fudge findet ihn toll und lässt sich von niemand einreden, dass Lucius nicht über alle Zweifel erhaben ist.
  • Auch der junge Albus Dumbledore hat sich von Gellert Grindelwald täuschen lassen, egal wie oft ihn andere auf Grindelwalds böse Neigungen aufmerksam gemacht haben, das hat sich durch tragische Umstände geändert und aus ihm einen sehr guten Menschenkenner gemacht der sogar Tom Riddle durschaut hat, vor allen anderen.

Der Ring des Niebelungen:

Hach, der arme Siegfried. Jeder aber auch wirklich jeder belügt und benutzt ihn, und trotzdem glaubt es allen immer wieder aufs Neue, bis es schliesslich zum Äussersten kommt.

A Song of Ice and Fire:

  • Eddard Stark ist so etwas wie die Definition von Null Menschenkenntnis.
  • Sansa Stark ist zu Beginn unfähig Joffreys und Cerseis wahren Charakter zu erkennen, ganz egal, wie oft sie von anderen darauf hingewiesen wird. Aber von Moment an, in dem sie es begreift, hilft es ihr kritischer zu sein und Leute zu durchschauen vor allen anderen. Eine sehr beeindruckende Wandlung von ihr, besonders wenn man ihr Alter bedenkt.

Der Graf von Monte Christo:

Die Gutgläubigkeit des jungen Grafen bringt die Geschichte erst ins Rollen und er versteht auch erst, nachdem es ihm gesagt wird, dass er alles falschen Freunden zu verdanken hat.

A Series Of Unfortunate Events:

Die Baudelaire Waisen sind die einzigen die Olafs offensichtliche Boshaftigkeit und seine lächerlichen Verkleidungen durchschauen können. Alle anderen nicht, mit ganz wenigen Ausnahmen.

The Hunger Games:

Hier haben wir den umgekehrten Fall. Eine Protagonistin, die absolut niemandem traut, oder von allen nur das Schlechteste annimmt, ganz egal wie viel sie schon für sie gemacht oder geopfert haben. Aber durch ihr Kindheitstrauma sehr glaubwürdig, als ihre grosse Schwäche umgesetzt.

 

Wollt ihr weitere Klischees?

Ich hätte heute im Angebot:

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