Die starke weibliche Figur und ihre Schwäche

Hallo wunderbare Lesewesen, schön seid ihr da.

Das ist ein kleiner Bonus zu meiner Reihe über Protagonisten, die ich geschrieben habe. Falls ihr das verpasst habt, könnt ihr es hier nachlesen:

Aber heute bin ich nur da, um zu meckern und zwar über die starke, weibliche Rolle, bzw. Figur.

Ich finde starke Protagonistinnen toll, ob in Filmen oder Büchern. Die meisten meiner Geschichten haben eine Protagonistin und viele andere umwerfende Frauen und Männer in Nebenrollen.

Ich würde auch nie über starke Frauen in Büchern oder Filmen meckern, im Gegenteil ich finde sie hervorragend.

Was mich nervt, ist das, was sich hinter dem Begriff die starke, weibliche Rolle verbirgt.

Schon den Begriff finde ich unnötig. In einem Actionfilm ist Bruce Willis auch nicht die starke, männliche Hauptrolle, sondern ganz einfach die Hauptrolle oder der Held. Niemand hat hier das Bedürfnis zu qualifizieren, dass er stak oder ein Mann ist, weil das als gegeben angenommen wird.

Ersetzt man Bruce Willis durch Angelina Jolie und schon reden wir von einer starken weiblichen Hauptrolle. Wozu?

 

Wie kam es zur starken weiblichen Figur? 

Dafür braucht es eine kleine Rückblende zur Darstellung von Frauen in fiktionalen Geschichten. Ich halte es kurz.

Früher waren weibliche Figuren hauptsächlich dazu da, um den Helden der Geschichte zu motivieren, indem sie entführt oder umgebracht wurden.

In Filmen und Büchern verabschiedet sich das Klischee der Jungfer in Nöten langsam, aber in Computerspielen ist es fast ausnahmslos  die einzige Motivation des Helden.

Z.B. Final Fantasy, Super Mario, Legend of Zelda, Donkey Kong, Assassin’s Creed, Kingdom of Hearts, Max Payne, Castlevania,… ich könnte die ganze Woche so weitermachen.

Aber das war nicht das Einzige, was weibliche Figuren sein durften. Sie konnten ausserdem die Rollen füllen von: Sexsklavinnen, Hausfrauen, Dienerinnen und von naiven,  jungfräulichen Dummchen, die man vor sich selbst beschützen musste.

Das farblose Dummchen war natürlich die Protagonistin. Das sind die unselbständigen Schönheiten, mit der Persönlichkeit eines Tofu Blocks, die in vielen Genres Filme und Bücher bevölkern.

Doch wir wollen fair bleiben, weibliche Rollen durften auch früher ein gutes Selbstwertgefühl haben, High Heels und Schminke tragen und ihre Sexualität ausleben. Selbstverständlich war sie dann die primäre Antagonistin der Geschichte.

Die selbstbewusste Frau war das Feindbild, das es zu beschämen galt, es sei denn, sie konnte von einem Mann „gezähmt“ werden. Ein Klischee, das sich leider sehr tapfer hält und heute noch weit verbreitet ist.

Bitte Schimpftirade einfügen. Ich darf nicht, sonst bleibt das nicht jugendfrei.

Weil sich viele Leser und Kinobesucher zu recht über die farblosen, unselbständigen Protagonistinnen aufgeregt haben, gab es die Gegenrektion.

 

Die starke weibliche Figur

starke weibliche Figur

Sie ist 17. Wunderschön. Hat Modellmasse. Aber sie wird nach zwei Tagen Training erwachsene Männer, die doppelt so schwer und gross sind wie sie und ihr Leben lang gekämpft haben mühelos im Zweikampf besiegen. (Ohner ihre Frisur zu gefährden.)

Ja klar. Beim Profiboxen machen sie Gewichtskategorien auch nur zum Spass. /Sarkasmus.

Sie braucht keinen Mann und das ist Grund genug fies zu ihnen zu sein oder sie aus dem Fenster zu werfen.

Einfach, weil sie sooo stark ist, bis zu dem Moment, wo ein Mann sie trotzdem retten muss, da es sonst keine Liebesgeschichte geben kann.

Ausserdem wird sie beim leisesten Hauch von Kritik ausrasten und den Kritiker ohrfeigen.

Psychotische Schübe sind ein Zeichen von Stärke? Oder sollte sie ein Macho sein? Aber warum muss man sie dann retten? Ich bin verwirrt.

Ich persönlicher finde diese Figuren witziger, als die hilflosen Dummchen, aber sie sind genau so problematisch.

Mir gefallen weibliche oder männliche Figuren, die sehr stark sind oder andere übertriebe Charakteristiken haben. Das sind Schneeflocken.

Aber für mich müssen sie trotzdem eine glaubwürdige „Person“ bleiben und Substanz haben, sonst wird ein Abziehbildchen oder eine Mary Sue daraus.

Und leider geht der Trend dazu leere Charakterhüllen zu schaffen, die kämpfen können und sie starke weibliche Figur zu nennen.

Wenn wir sie beschreiben müssten, ist sie einfach nur stark. Sie ist nicht mehr verletzlich, freundlich, klug, talentiert, ambitioniert oder sonst irgendwie interessant. Ausserdem hat sie keine Sorgen oder Probleme, keine echten Fehler.

Sie ist genauso ein Block Tofu, wie die unselbständige Protagonistin, einfach mit Muskeln.

Die starke weibliche Figur in dem Sinne ist keine „Person“ mehr.

Alle Emotionen ausser Aggression sowie ihre ganze Persönlichkeit werden ausgelöscht, damit sie nicht als Schwächling wahrgenommen wird.

In Ausnahmefällen, darf sie Jungs und Mode mögen, weil das ja das Einzige ist, was Mädchen ausmacht. /Sarkasmus.

Und genau hier liegt das Problem der starken weiblichen Rolle. Sie ist innerlich hohl.

 

Es ist keine Schande eine Frau zu sein.

Die starke weibliche Hauptrolle ist in gleichem Masse stark, wie eindimensionale Helden aus Actionfilmen stark sind. (Zumindest in den  stereotypischen.)

Starke Actionheldinnen und -helden, die nur flotte Sprüche von sich geben und es krachen lassen, sind die Erfolgsformel vieler Bücher und Filme.

Dort sind die Männer und Frauen schiesswütige Tofu Klumpen und das ist auch in Ordnung so.

Nicht alles braucht Tiefgang.

Aber das heisst auch, dass diese starke weibliche Figur nicht wirklich „weiblich“ ist. Männer und Frauen sind gleich fähig das Leben zu meistern (oder gleich unfähig), aber es bedeutet nicht, dass sie identisch sind oder alles auf die gleiche Art und Weise tun.

Männer haben tendenziell mehr Muskelmasse, als Frauen, aber Muskeln und Gewalt sind nicht der einzige Weg um Konflikte zu lösen.

„Gewalt ist die letzte Zuflucht der Unfähigen.“ Isaac Asimov

Es ist nicht nötig alle anderen schwach und dumm machen, damit die starke, weibliche Rolle brillieren kann. Eine wahrhaft starke Protagonistin kann sich behaupten, in einem Umfeld von fähigen Charakteren.

Frauen haben z.T. andere Stärken, als Männer oder gehen Probleme oft anders an. Und es ist schade, dass viele Autoren das übersehen.

Wenn ich aus einer weiblichen Figur eine männliche machen kann und das Einzige, was sich für die Figur ändert die Namen und die Pronomen sind, dann habe ich diesem Umstand keine Rechnung getragen und eine Kampfmaschine mit Brüsten geschaffen.

Aber eine Protagonistin darf feminin sowie emotional sein und Konflikte mit ihren Stärken und Empathie überwinden.  Es ist keine Schande eine Frau zu sein. Frauen sind nicht schwach oder unfähig.

 

Die starke weibliche Figur gibt es in verschiedenen Variationen. 

Ich habe euch hier die häufigsten Typen aufgelistet, damit ihr euch einen Überblick verschaffen könnt. Wer weiss, vielleicht kommt euch die eine oder andere bekannt vor.

  • Ihre einzige Stärke sind ihre Muskeln oder Magie
  • Ihr einziger Fehler ist, dass sie zu nett/altruistisch ist, oder immer auf Bad Boys hereinfällt, anstatt den netten Jungen zu nehmen. (Sorry, wenn ich euch das sagen muss, aber die Jungs, die sich selbst nett finden, sind es meistens nicht.)
  • Obwohl sie eine Kampfmaschine ist, hat sie keine entstellenden Narben und ist wunderschön auf konventionelle Art.
  • Der Kampfbikini. Sie wird im Kampf keine funktionale Kleidung tragen, sondern ihre Heldentaten und Kämpfe sind in erster Linie ein erotisches Spektakel, das die Fantasie  der Fans anregen soll. Wie Schlammringkämpfe.
  • Sie ist stark, fantastisch, unglaublich und intelligent. Sie kommt mit allem klar. Ausser mit dieser einen Situation, die sie objektiv locker hätte überwinden können. Aber da muss sie von einem Mann gerettet werden. Nicht von einer Einsatztruppe oder Spezialeinheit.
  • Sobald sie sich verliebt wird sie schwach und unfähig.
  • Ihre Stärke ist nur ein Mittel, um zu zeigen, welche Fortschritte der Protagonist gemacht hat. Wenn er endlich besser ist als sie, findet sie ihn interessant, obwohl sie ihn bisher nicht mal angeschaut oder einen Freund hat. Echt jetzt?
  • Sie ist nur stark, weil sie damit eine besser Belohnung für den Helden ist, der sie am Ende bekommt. Weil Frauen ja Wanderpokale sind, die man gewinnen kann. /Sarkasmus
  • Ihre Gefühle, Sorgen und Motive werden nicht gezeigt, weil sie das „schwach“ aussehen lässt
  • Sie wäre stark und fähig genug den zentralen Konflikt selbst zu lösen, aber sie muss der Mentor oder das Helferlein des wahren Auserwählten sein. Auch das  „Trinity Syndrome“ genannt.
  • Sie hat nur Verachtung für „konventionelle“ Frauen und deswegen keine Freundinnen oder Vertrauten. Die Geschichte in der sie ist, besteht den Bechdel Test (externer Link, Wikipedia) nicht.

Natürlich treten diese Variationen meistens vermischt auf und nicht immer sind sie eindeutig oder einfach zu erkennen.

Nicht jeder Film oder jedes Buch baucht Protagonisten, die stark sind und Persönlichkeit haben.

Manchmal reichen die hohlen Stereotypen durchaus und es ist weder falsch sie zu mögen noch einen zu erschaffen. Ganz im Gegenteil.

Ich finde es nur nervig, dass man sie dann starke, weibliche Rolle nennt, weil sie das aus den obengenannten Gründen nicht sind.

Ich plädiere dafür, dass wir sie Kampfmaschine mit Brüsten nennen.

 

Meine Auswahl an starken Protagonistinnen – mit Persönlichkeit

Es gibt aber in der Literatur, wie auch in Filmen starke Protagonistinnen, die vielschichtige Personen sind und nicht nur durch ihre eine besondere Eigenschaft definiert werden.

Sie tragen ihre Geschichte auf den Schultern und definieren ihr Schicksal mit ihren Handlungen.

Das ist keine abschliessende Aufzählung.

Dana Scully, Akte X:

Dana ist sie keine Meisterschützin oder ein Kampfsportgenie. Trotzdem ist sie eine der stärksten Protagonistinnen überhaupt. Und einschüchternd. Warum? Weil sie professionell, selbstbewusst und intelligent ist. Sie weiss, wenn sie einen Raum betritt, dann ist sie der Boss und leistet wichtige Beiträge zur Lösung der Fälle. Sie treibt die Handlung voran, gemeinsam mit Fox Mulder, einem fähigen und begabten Charakter, ohne von ihm überschattet zu werden.

Lyra Belacqua, Der goldene Kompass (nur in Buch 1):

Lyra ist ein neugieriges, kleines Mädchen – gefühlvoll und gewitzt. Sie hat weder Superkräfte, noch Magie und ficht keine lächerlichen Zweikämpfe mir erwachsenen Soldaten aus. Sie nutzt einzig und alleine ihre Intelligenz, Kreativität und Kommunikationstalent. Ihr Erfolg kommt daher, weil sie nie aufgibt und ihre Ziele mutig verfolgt, obwohl sie ganz genau weiss, dass alles gegen sie spricht und sie ihren Feinden haushoch unterlegen ist. Sie macht es trotzdem, um ihren besten Freund zu retten.

Hermione Granger, Harry Potter:

Hermione kann keine Bäume mit blossen Händen ausreissen. Aber sie ist intelligent und eine begabte Zauberin. Trotzdem sehen wir sie hart dafür arbeiten, um noch besser zu werden. Noch vor ihrem ersten Tag in Hogwarts, hat sie all ihre Schulbücher auswendig gelernt. Ihr werdet nie erleben, dass sich Hermione für das, was sie kann oder wer sie ist, entschuldigt. Sie ist stark, weil sie mutig ist und loyal zu ihren Freunden steht, ohne sie geht nichts. Sie ist eine „Person“ mit Stärken und Schwächen, die einen festen Platz in der Geschichte hat, neben zwei ebenso starken Figuren.

Buffy Summers, Buffy the Vampire Slayer:

Ja, Buffy hat Superkräfte. Aber das ist nicht das Einzige, was sie definiert. Vor allem anderen ist sie eine Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen, die nichts mit ihren Muskeln zu tun haben. Sie tut, was sie tun muss um Freunde und Familie zu schützen, obwohl  sie lieber ein normaler Teenager wäre. Das ist die Quelle ihrer wahren Kraft. Ihre Bereitschaft für andere einzustehen und sich zu opfern,ohne Rücksicht auf Konsequenzen.

 

Lizzie Bennet, Pride and Prejudice:

In einer Zeit, in der junge Frauen nicht viel zu sagen oder zu bestimmen hatten und grundsätzlich als albern galten, kämpft Lizzie für ihre Ideale und Überzeugungen. Sie nimmt in Kauf nicht zu heiraten, was damals tragische Konsequenzen mit sich bringen konnte, um sich selbst treu zu bleiben. Und sie lässt sich von niemandem einschüchtern, aber lernt aus ihren Fehlern und Schwächen. Das macht sie stark. Sie trägt diese Geschichte auf ihren Schultern und erschafft sich ihr Happy End.

Anne Shirley, Anne of Green Gables:

Die liebe Anne ist dramatisch und aufbrausend, muss mit allen wetteifern, wer besser ist, aber sie ist auch furchtlos, wenn es darum geht ihre Meinung zu sagen und ihren Träumen zu folgen. Ihre Stärke kommt daher, dass sie auch aus den schlimmsten Situationen, an denen andere zerbrechen das Beste macht und ihren Lebensmut nicht verliert. Mit viel Fantasie, Ehrgeiz und Tatkraft formt sie ihre Geschichte.

Lisbeth Salander, The Girl with the Dragon Tattoo (Buch nicht im Film):

Lisbeth folgt ihren eigenen Regeln und Moralvorstellungen. Trotz allem was ihr passiert ist, macht sie weiter und lässt sich nicht unterkriegen. Sie hat Fehler und Schwächen, aber sie nutzt sie, um die Person zu sein, die sie sein will. Sie versteht sich selbst, wie es nur wenige Menschen können. Erfinderisch und kämpferisch übernimmt sie die Kontrolle über die Geschichte und ihr Leben.

 

Ella of Frell, Ella Enchanted (Nur das Buch der Film ist Mist).

Sie ist keine Ninja Kriegerprinzessin, die sich ihren Weg durch ihre Feinde hackt mit einer Machete. Sie nutzt ihren Charme und ihren Verstand, gegen einen übermächtigen Fluch, der in ihrem Körper wohnt und von jedem gegen sie genutzt werden kann. Ihre Empathie ist ihre grösste Stärke und die Eigenschaft, die ihr am Schluss ihr Happy End einbringt.

 

Gwendolyn Shepherd, Edelsteintrilogie

Ein typisches Mädchen mit typischen Sorgen, ausser ihrer unüblichen Familie. Sie ist jung und überhaupt nicht vorbereitet für das, was sie erwartet. Von allen ist sie immer diejenige, die mit Wissen und Erfahrung hinterherhinkt, wodurch sie oft belächelt oder für dumm gehalten wird. Aber sie lässt sich davon nicht aufhalten. Neugierig, clever und willensstark hinterfragt sie, was andere sich nicht zu fragen trauen und mutig geht sie ihren eigenen Weg. Und genau diese Eigenschaften sind es, mit denen sie den Ausgang der Geschichte formt.

 

 

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Externe Links

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Fieberherz: Frauenfiguren und die Sache mit dem Stärkekonzept

Geekgeflüster: „Stark“ ist nicht genug: Das Problem mit „starken“ Frauenfiguren

 

Sind euch diese starken, weiblichen Figuren auch schon aufgefallen?

Oder kennt ihr starke Protagonistinnen mit Persönlichkeit?

Ich freue mich darauf eure Meinung in den Kommentaren zu lesen.

Vielen Dank.