Warum geht das Opfer nicht?

Hallo wunderbare Lesewesen.

Es ist wieder Donnerstag und damit Zeit unser altes Spiel zu spielen: Eure Fragen, meine Antworten.

Ich mag deinen Beitrag zu Gewalt in Partnerschaften. Weisst du, warum so viele das Vorurteil haben, dass ein Opfer häuslicher Gewalt verdient, was sie bekommt, weil sie ja gehen kann, wenn es ihr nicht passt?

Vielen Dank für die netten Worte. Ich habe hier den Link für euch, falls ihr den Beitrag nachlesen wollt. Zurück zur Antwort:

Die Aussage, dass das Opfer einfach gehen kann, wenn es nicht geschlagen werden will, ist falsch, sie klingt aber für viele Menschen plausibel. Auch wenn die meisten genug Anstand haben es nicht auszusprechen, so werden sie doch oft dem Opfer die Schuld geben, weil es sich nicht besser schützt oder eben geht.

Der Grund, warum viele Menschen das glauben, ist einfach und leider sehr verbreitet. Es hängt mit dem Gerechte-Welt-Glauben zusammen.

Gerechte-Welt-Glauben

Dieses Weltbild geht davon aus, dass die Welt fair ist.

Wenn dir etwas Gutes passiert, dann deswegen weil du es verdient hast, wenn dir etwas Schlechtes passiert, dann hast du offensichtlich etwas falsch gemacht. (Wie im Märchen)

Nun ist die Mehrheit der Menschen nicht dumm und weiss, dass das nicht immer der Fall sein kann und trotzdem halten sie an dem Glauben fest aus Angst.

Warum?

Sie wollen die Sicherheit, dass solange sie sich an gewisse Regeln halten, ihnen kein Unglück passieren kann.

Schliesse in der Nacht die Haustüre ab, stelle die Alarmanlage ein, etc. Solange man all diese Regeln befolgt, ist man sicher vor Einbrüchen. Und wenn trotzdem eingebrochen wird, oh dann werden die meisten davon ausgehen, dass diese Person eine der Regeln zum Schutz nicht befolgt hat.

Dieses Weltbild ist unsinnig, da wir uns so in falscher Sicherheit wiegen.

Klar man soll die besten Massnahmen zum Schutz treffen, aber das wird dich nicht vor jedem Unglück bewahren. Nicht alle Guten werden belohnt und die Schlechten bestraft, nicht alle starten mit den gleichen Chancen und nicht alle Schwächen können überwunden werden. Der Zufall regiert die Welt. Ihr könnt es auch Schicksal nennen und das verteilt die Karten ohne Fairness. Niemand hat Gewalt verdient. Es war die Entscheidung des Täters dem Opfer Gewalt anzutun.

Warum gehen die Opfer nicht einfach?

Warum Opfer von häuslicher Gewalt nicht gehen hat viele Gründe.

Ich bin KEIN Psychologe oder Sozialarbeiter oder etwas in der Art, aber ich weiss trotzdem, dass eine gewalttätige Beziehung nicht mit Gewalt anfängt. Das Opfer (kann auch ein Mann sein) wird nicht am ersten romantischen Date verprügelt.

Diese Beziehungen beginnen, wie alle andere auch. Der Täter (kann eine Frau sein) kommt auch nicht eines Tage nach Hause und sagt:

„So Schatz, ab heute werde ich dich von deiner Familie und deinen Freunden trennen, damit ich dich in Ruhe schlagen und erniedrigen kann. Und los!“

Das kommt schleichend, meist verkleidet als Kompliment oder liebevolle Äusserung. Ausserdem ist das Opfer verliebt und will dem Partner auch beistehen in schwierigen Momenten.

„Er will gar nicht gemein zu mir sein, aber er hatte eine so traumatische Kindheit/ einen stressigen Job.“

Sobald das Opfer von allen abgeschnitten ist, beginnt die Gewalt zu eskalieren. Auch das erfolgt schrittweise.

„Er hat mir das Essen ins Gesicht geschmissen, weil es kalt geworden ist. Keine grosse Sache, das hat ja nicht wehgetan“

„Ach ihm ist doch nur einmal die Hand ausgerutscht. Er meint das nicht so.“

Und wenn die seelische, körperliche oder wirtschaftliche Gewalt eine wöchentliche, bzw. tägliche Begebenheit wird, erst dann fangen die Opfer üblicherweise an zu merken, dass da etwas nicht stimmt. Aber niemand sieht sich gerne als Opfer.

„Nein, ich bin doch nicht eine von denen, die sich von ihrem Partner misshandeln lässt. Dafür bin ich zu stark. Und es tut ihm jedes Mal so leid mich verletzt zu haben, schliesslich sagt er mir ja, dass ich seine Welt bin und er mich liebt.“

Es kann Monate und Jahre gehen, bis das Opfer realisiert, was hier passiert.

Und zu dem Zeitpunkt ist es schon viel zu spät.

Das Opfer hat niemanden mehr im Leben ausser dem Täter und glaubt die Einzige auf dieser Welt zu sein, der das wiederfährt. Es schämt sich und wird zusätzlich von Schuldgefühlen gequält. Und das Schweigen von Tausenden von Opfern allein in Europa hält an.

Und das Wichtigste darf man nicht vergessen. Etwas, das die Opfer wissen, aber vielen anderen nicht klar ist.

Der Partner des Opfers ist kein netter Mensch. Wenn das Opfer geht, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es vom Partner getötet wird, denn mit der Trennung sieht er sich oft berechtigt, jede Zurückhaltung fahren zu lassen. Es ist kein Zufall, dass mehr Frauen nach der Trennung von ihrem Partner getötet werden, als während der Partnerschaft.

Bildquelle: IST – Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt

Es braucht extrem viel Mut diesen Kreislauf zu durchbrechen, da die Opfer Wort wörtlich ihr Leben oder das ihrer Kinder aufs Spiel setzen.

Anstatt sie zu verurteilen, weil sie nicht gehen helft ihnen. Meldet die Täter bei der Polizei an. Erzählt ihre Geschichten, damit andere Personen, die schweigsam duldend unter häuslicher Gewalt leben, sie hören und Mut fassen können.

Sie sind nicht alleine.

Ihnen kann geholfen werden.

Die Gewalt lebt von unserem Schweigen.

Aber das ist nur meine Meinung, wie seht ihr das?

Kennt ihr jemanden, der in einer ähnlichen Situation ist? Teilt doch diese Antwort mit ihnen, vielleicht kann es helfen.

Vielen Dank.

Ihr wollt wissen, warum ich Fragen beantworte? Dann klickt hier.