Was sind Betaleser

Hallo wunderbare Lesewesen, schön seid ihr da.

In der letzten Zeit habe ich vermehrt Anfragen von euch bekommen zu Testlesern, bzw. Betalesern, wie ich sie aussuche, wie viele, wo und warum.

Natürlich teile ich gerne meine Erkenntnisse und Erfahrungen mit euch. Schliesslich bin ich nett. (Kommt darauf an, wen ihr fragt.)

Um nicht jedem Einzelnen von euch eine Abhandlung dazu zu schreiben, schreibe ich sie für alle hier.

Auch für die, die sich nicht trauen zu fragen und für die, die es nicht interessiert.

Ich werde eine dreiteilige Serie daraus machen, da es sonst ein viel zu langer Beitrag wird.

Im ersten Beitrag werde ich beleuchten, was Testleser/Betaleser sind, wozu man sie einsetzt und wie.

Wie finde ich Betaleser, wen nehme ich und wie viele brauche ich? wird Gegenstand des zweiten Beitrags sein.

Und im Dritten widmen wir uns der Auswertung der Feedbacks der Betaleser.

Wie immer, wenn ich Betaleser sage, sind natürlich auch Betaleserinnen gemeint.

Betaleser

Was sind Betaleser?

Betaleser (manchmal auch Testleser genannt) lesen das Manuskript, geben ihr Feedback dazu, damit der Autor die Geschichte und allfällige Fehler ausbessern kann, bevor das Buch erscheint.

Sie sind eine Testgruppe, die im Idealfall zeigt, wie eure zukünftigen Leser auf das Buch reagieren werden.

D.h. wenn ihr Dinosaurier Erotik schreibt, solltet ihr eure Werke nicht Krimifans geben, weil die nicht das Feedback geben, das ihr brauchen könnt.

Aber zur Auswahl und Zusammensetzung der Testleser Gruppe im nächsten Beitrag mehr.

Betaleser sollen konstruktive Kritik üben, damit ihr das Beste aus eurer Geschichte herausholen könnt. Sie sind Lesewesen, die euch ihre Zeit und ihre Begeisterung für Bücher kostenlos zur Verfügung stellen, damit ihr möglichst viele Probleme vor der Publikation aufdecken und beheben könnt.

Abgrenzung

Betaleser sind also nicht die Leser, die vom Verlag ein Buch zum Lesen erhalten, um eine Rezension zu schreiben, vor dem offiziellen Erscheinungstermin. Die werden auch Testleser genannt, aber ihre Funktion ist den Verkauf der Bücher anzuheizen und nicht Fehler aufzuspüren. Testleser werden meistens für ihre Dienste bezahlt und bekommen häufig genaue Vorgaben, wie lange oder wie positiv ihre Bewertung zu sein hat. (Leider?)

Wozu braucht es Betaleser?

Betaleser sind euer Testpublikum, also ein Instrument der Marktforschung und sollten dementsprechend eingesetzt werden.

Einige Autoren setzen Betaleser ein, um nach Schreibfehlern zu suchen, quasi als kostenlose Korrektoren. Es ist euer Manuskript und ihr könnt damit machen, was ihr wollt…

Aber liebe Leute, was soll das?

Das ist eine Verschwendung des Potentials der Betaleser. Wenn ihr jemanden wollt, der euer Werk korrigiert, dann bezahlt einen Profi dafür. Das ist kein Kostenpunkt bei dem man sparen sollte.

Weiter im Text:

Betaleser sollen Fehler finden. (Ja auch Schreibfehler, wenn es sein muss.)

Aber das Wichtigste, was euch Betaleser verraten können und sollen ist:

  • Wie wirkt die Geschichte?
  • Ist der Anfang ein ansprechender Einstieg in die Geschichte – zu abrupt oder zu langatmig?
  • Wie ist das Ende?
  • Was ist mit den Figuren? Mag der Betaleser sie? Wirken sie echt? Sympathisch? Pappmänner?
  • Ist die Handlung zu durchsichtig? Oder zu kompliziert? Beides nicht so toll.
  • Wie wirken gewisse Szenen? Wenn ich eine unheimliche Szene schreibe, will ich nicht unbedingt, dass sie witzig oder langweilig wirkt.
  • Was sind die guten/schlechten Stellen? Warum?
  • Ist alles verständlich? Wenn die Antwort darauf nein ist, dann ist das schlecht.
  • Wie ist der Schreibstil?
  • Lücken entdeckt?
  • Fehler entdeckt?
  • Wie liest es sich? Schnell? langsam?

Etc.

Eine Kritik zu einer Stelle ist eine Meinung, mehrere Kritiken sind eine Indikation, dass diese Stelle nicht funktioniert.

Jede Imperfektion soll aufgespürt werden, aber nicht alle müssen weg, da es z.T. auch Geschmackssache ist. Ob ihr sie eliminieren wollt oder nicht, das entscheidet ihr. Ist schliesslich eure Geschichte.

Wichtiger Hinweis:

Betaleser sind nicht dazu da, um euch mit Lob zu überhäufen oder euch zu beraten.

Ihre Aufgabe ist es nach Schwachstellen zu suchen und sie zu finden.

Wenn ihr die Erwartung habt, dass Betaleser im Unrecht sind, weil sie Kritik geäussert haben, dann könnt ihr genauso gut auf sie verzichten.

Betaleser sind typischerweise keine Profis, die Verbesserungsvorschläge machen oder euer Werk bis ins Detail analysieren sollen.

Kritik macht niemandem Spass, aber sie gehört dazu, wenn man ein besserer Autor werden will.

Braucht es immer Betaleser?

Bei einem Roman, unabhängig vom Genre, braucht es immer Betaleser, ausser es interessiert euch nicht, wie euer Buch aufgenommen wird oder ihr schreibt für euch selbst.

Sachbücher und Biografien sind die Ausnahme.

  • Bei Sachbüchern braucht es meistens einen Profi aus der gleichen Branche, der gegenliest – einen sog. Kritikpartner. Der Unterschied zum Betaleser ist, dass ein Kritikpartner das notwendige fachliche Knowhow haben sollte, um den Inhalt zu überprüfen. Ein Betaleser muss nur gerne lesen. Es gibt Ausnahmen, z.B Ratgeber, wo Anleitungen immer getestet werden sollten.
  • Bei einem autobiografischen/biografischen Buch reicht meist ein Lektor für den Blick von Aussen. Da die Geschichte und Charaktere nicht grossartig verändert werden können, um sich dem Lesegeschmack des Publikums anzupassen. Auch da kann es Ausnahmen geben.

Wann braucht es Betaleser?

Der beste Zeitpunkt für Betaleser ist, wenn ihr ein Feedback zu eurem Werk haben wollt. Also grundsätzlich jeder Moment, bevor das Buch lektoriert wurde. Aber je später im Prozess ihr die Betaleser hinzuzieht, umso mehr habt ihr von ihnen, da sie ein ausgereiftes Werk in den Händen halten und nicht einen ersten Versuch, den ihr wahrscheinlich selbst in zwei Wochen verändern werdet.

Warum vor dem Lektorat?

So ein Lektor ist teuer und das Manuskript nach den Veränderungen, die ihr dank euren Betalesern machen konntet, noch einmal lektorieren zu lassen, geht ins Geld.

Ich persönlich präferiere das Manuskript erst an Betaleser zu geben, wenn es vollständig geschrieben und von mir mehrfach überarbeitet worden ist.

Warum?

Einerseits möchte ich den Betalesern die fertige Geschichte präsentieren, möglichst ohne Lücken und durchdacht.

Andererseits haben sie besseres Material, um damit zu arbeiten und können sich eher aufs Wesentliche konzentrieren, ohne sich von schiefen Sätzen und 20 Fehlern/Seite ablenken zu lassen.

Wie bekommt man das Feedback der Betaleser?

Der Trick ist zu wissen, was man von den Betalesern braucht und wie man an diese Antworten kommt. Ja, ich weiss: offensichtlich.

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten und alle haben Vor- und Nachteile.

Keine Sorge, das müsst ihr nicht alles selbst erarbeiten, denn das ist der Arbeitsbereich von Marktforschern und Softwareentwicklern und die haben für euch schon die ganze Vorarbeit geleistet. Und hier sind die Methoden, die sich meiner Meinung nach am Besten eignen.

1. Fragebogen

Macht einen Fragebogen, stellt ihn zusammen mit eurem Manuskript (ohne Kommentarfunktion) den Betalesern zu und wartet auf die Antworten

Vorteile:

  • Der Autor bekommt genau das Feedback, das er haben will und brauchen kann.
  • Das Zusammenführen und Auswerten ist einfach.
  • Trends können leicht erkannt werden.
  • Prozess ist einfach zu verstehen für die Betaleser.
  • Eine grosse Anzahl Betaleser kann berücksichtigt werden.

Nachteile:

  • Andere Fehler, wie Lücken sind ungenügend berücksichtigt.
  • Bei Unklarheiten gestaltet sich das  Nachfragen als schwierig und zeitaufwändig.
  • Ein halbpatzig ausgefüllter Fragebogen ist wertlos. Wenn der Betaleser überall „war okay“ hineinschreibt, dann bringt das nichts.

Tipps:

  • Je präziser die Fragen sind, umso besser ist die Kritik, da der Rahmen genauer abgesteckt ist.
  • Nicht das ganze Manuskript auf einmal verschicken, da die Fragen am Schluss beantwortet werden und das u.U. lange zurückliegen kann. Lieber kleinere Teilstücke.
  • Ein benutzerfreundlicher Fragebogen muss erstellt werden, den man ausgedruckt oder am Bildschirm ausfüllen kann. Was sehr viel mehr Aufwand ist, als man denkt. Aber dazu mehr im letzten Beitrag.

2. Interview

Wie zuvor wird auch hier ein Fragebogen erstellt, aber der wird nicht verschickt. Stattdessen bekommen die Betaleser kleine Teile des Manuskripts zum Lesen. Wenn sie mit ihrem Teilstück fertig sind, sollen sie sich beim Autor melden via Chat oder Telefon und der stellt ihnen dann die Fragen, die er zuvor vorbereitet hat und macht sich Notizen dazu. Wenn das erledigt ist, bekommt der Betaleser das nächste Teilstück.

Vorteile:

  • Der geringste Aufwand für die Betaleser.
  • Persönlicher Kontakt zum Betaleser macht Freude und entsprechend genauer, enthusiastischer lesen und kommentieren sie.
  • Direkte Antworten, wo man auch sofort nachfragen kann, wenn etwas unklar ist.
  • Es werden weitaus mehr Verbesserungsvorschläge angebracht, auch zu Problemen, die der Autor selbst nicht bedacht hat. Die nichtssagende „das war okay“ Antwort kommt äusserst selten vor.

Nachteile:

  • Der direkte Kontakt verleitet den Autor dazu sich zu rechtfertigen oder die Argumente des Betalesers zu entkräften, wie z.B. zu sagen: „Du hast nicht genau gelesen.“ So bekommt man keine ehrliche Rückmeldungen mehr oder nur noch massive Kritik, aus Rache. Wer nicht Klappe halten und den Betalesern zuhören kann, lässt es besser bleiben. Ja, das ist enorm schwierig, aber Autoren müssen kritikfähig sein. Was nicht heisst, das man sich alles gefallen lassen muss. Hier mein Beitrag zum Umgang mit Kritik.
  • Es wird Betaleser geben, die Grenzen überschreiten und nicht nur zum Buch Feedback geben, sondern ausserdem 1001 sehr private Frage stellen und auch für sich in Anspruch nehmen am Privatleben des Autors teilzuhaben. Mit den Fragen und Freundschaftsanfragen auf den Sozialen Medien habe ich keine Probleme, aber ich werde keine wildfremden Leute zum Abendessen bei mir Zuhause einladen, weil sie meine Betaleser sind. Das geht mir zu weit.
  • Das Interview kann sich in die Länge ziehen.

Tipps

  • Warnt eure Betaleser vor, dass das Beantworten der Fragen länger gehen kann. So können sie sich mental darauf vorbereiten.
  • Habt alles griffbereit, was ihr braucht für die Auswertung, Papier Stift, Computer, Tablett, Handy, etc. Wenn ihr während des Gesprächs nach dem Zeugs kramen müsst, verpasst ihr Feedback und wirkt unprofessionell.
  • Stellt Folgefragen, dann bekommt ihr bessere Antworten.

3. Andere Formen

Es gibt eine Form, die ich in der Praxis recht häufig antreffe, aber ich weiss nicht, wie sie heisst.

Kommentarfunktion?

Da schicken die Autoren das ganze Manuskript offen weiter, damit die Betaleser ihre Kommentare direkt hineinschreiben können.

Für mich ist das nur in absoluten Ausnahmesituationen eine nützliche Variante.

Warum?

Weil sie fast nur Nachteile hat, wenn man nicht einen verkappten Lektor oder einen aussergewöhnlich passionierten Bücherwurm als Betaleser erwischt.

Dieses Vorgehen bedeutet einen riesigen Aufwand beim Zusammenführen und Auswerten. Ausserdem bekommt man meist viel weniger Feedback, weil die Betaleser lieber die Geschichte lesen wollen, anstatt Kommentare zu schreiben. Und die Kommentare, die man bekommt, sind viel zu allgemein, um nützlich zu sein.

Mischformen

Dann gibt es natürlich auch Mischformenn.

Und das möchte ich euch wärmstens empfehlen, mischt alle Komponenten, bis ihr das richtige Verhältnis zwischen:

Anwenderfreundlich für eure Betaleser und nützlich für euch erreicht habt.

Im Idealfall sollte das ein Prozess sein, den man nach und nach für jeden Betaleser und jeden Durchgang verbessert, bis er genau passt.

Mit dem Mischen der verschiedenen Formen bekam ich die besten Ergebnisse.

Selbstverständlich gibt es noch mehr Methoden, aber ich bin nicht eure Vorgesetzte, also tut bitte  das, was für euch am besten funktioniert.

So das war es wieder von mir. Wie sieht es bei euch aus? Arbeitet ihr mit Betalesern? Was sind eure Erfahrungen?